Ostsee und Benthosleben
Eine Beschreibung der Lebewesen am Grund des Meeres, die verschiedensten Umwelteinflüssen ausgesetzt sind von H. Rumohr. Diese Einflüsse bestimmen in der Ostsee die vorherrschende Artengemeinschaft in einer Region.
Es gibt eine Reihe von Voraussetzungen für die Existenz des Benthos in der Ostsee. Da ist zum einen die kurze geologische Existenz der Meeresböden (ca. 8000 Jahre als Meer, in der heutigen Form z.T. nur 1500 Jahre), die sich in den relativ jungen und plastischen Gemeinschaften widerspiegelt. Zum anderen ist das Benthos in der Ostsee stark physikalisch beeinflusst, da wir uns quasi in einem Ästuar befinden mit hohen Salzgehaltsschwankungen, auch in kurzen Zeitskalen, infolge von Einstrom, Wind und Konvektion. Auf das Benthos wirkt eine starke, z.T. kurzfristig veränderliche Temperaturamplitude im Jahresgang, gelegentlich verstärkt durch Eiswinter und heiße Sommer. Der verringerte Salzgehalt ist eine Folge des Süßwasserüberschusses durch die Flüsse, der durch Einstrom von salzreichem Wasser am Boden ausgeglichen werden muss. Zwischen den beiden letzten größeren Ereignissen dieser Art im Jahr 1976 und 1993 konnten wir eine zunehmende Verschlechterung der Sauerstoffsituation im Tiefenwasser der Ostseebecken verzeichnen, welche sich direkt auf das Sediment und die Benthosfauna auswirkte. Auch in der westlichen Ostsee kommt es seit den 70iger Jahren vermehrt zu Sauerstoffmangelperioden, die auf den tieferen Schlickböden in strömungsarmen Gebieten und in den Rinnen der Mecklenburger Bucht und der Kieler Bucht mittlerweile zu den regelmäßigen Ereignissen gehören. Sauerstoffmangel kommt gelegentlich auch im Flachwasser vor, wenn ablandiger Wind sauerstoffarmes Tiefenwasser an die Oberfläche befördert. Die Folge ist oft ein auffälliges Fischsterben. Des weiteren kann man im Hochsommer im Flachwasser lokalen Sauerstoffmangel beobachten, der durch absterbende Algenmassen entsteht und die Badewasserqualität beeinflusst.
In einem weitgehend abgeschlossenen Mittelmeer wie der Ostsee sind natürlich auch große Einwirkungen durch die etwa 80 Mio. Menschen zu erwarten, die in ihrem direkten Einflussbereich leben. Die Abwässer von etwa 50 Mio. Menschen fließen nach wie vor ungeklärt in die Ostsee und sedimentieren als organische partikuläre Substanz auf dem Boden, wo sie den Sauerstoff bei ihrem Abbau zehren. Hinzu kommen die erheblichen Schadstofffrachten der Flüsse. Die Eutrophierung wird heute allgemein für die beobachtete Negativentwicklung, d.h. für den Sauerstoffmangel im Bodenwasser der Ostsee verantwortlich gemacht. Allerdings gab es sporadische Sauerstoffmangelperioden auch schon früher, z.B. im 11. Jhrdt zur Zeit des dänischen Königs Olaf (gen. Hunger), und besonders in den letzten hundert Jahren wurden Indizien für derartige Phänomene des öfteren von Fischern beobachtet.




